Ich war in der Schule nicht „Schüler“, sondern „Arbeiterkind“

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Drei Schulmädchen rennen gemeinsam zum Schultor.
Welche Bildungschancen haben Schülerinnen und Schülern mit einer Migrationserfahrung in Deutschland? Hat die Inklusion in Deutschland eine Chance sich erfolgreich zu etablieren? Ein Thema, dass gerade viele junge Menschen in Deutschland beschäftigt.

Welche Bildungschancen haben Schülerinnen und Schülern mit einer Migrationserfahrung in Deutschland? Hat die Inklusion in Deutschland eine Chance sich erfolgreich zu etablieren? Ein Thema, dass gerade viele junge Menschen in Deutschland beschäftigt. Im DTJ Interview berichtet der  Pädagoge Umut Ali Öksüz über eigene Erfahrungen und die Probleme und die Bedeutung der Zivilgesellschaft für das deutsche Bildugssystem. Umut Ali Öksüz arbeitet seit mehreren Jahren als Lehrer in NRW  und ist in vielen Bildungsprojekten aktiv.

Herr Öksüz, Sie sind Pädagoge, Buchautor und Gewaltpräventionstrainer für Kinder, Jugendliche und Fachkräfte und bewegen sich seit Jahren in der „pädagogischen Welt“. Was gibt Ihnen so viel Motivation sich in der Bildungsarbeit zu engagieren?

In erster Linie ist es natürlich mein Anliegen, die Zukunft von Menschen zu prägen. Diese sind natürlich die Kinder und Jugendlichen von heute. Die meiste Energie die einem zu Gute kommt, schenken einem Kinder. Da ich selbst aus einer Arbeiterfamilie stamme, weiß ich genau, wie kostbar Bildung ist und wie schwierig es ist, seinen Bildungsweg zu gehen, wenn bestimmte Prämissen nicht gegeben sind. Zudem nehme ich sehr viele Erfahrungen aus meiner Hauptschulzeit mit, denn diese war und ist sehr prägend für mich gewesen. Die Motivation, die mir damals nicht gegeben wurde, möchte ich heute meinen eigenen SchülerInnen weitergeben.

Sie sprechen aus Ihrer Perspektive über einen schwierigen Bildungsweg für Kinder aus Arbeiterfamilien. Welche Erfahrungen haben Sie damals gemacht, als Sie selbst noch Schüler waren?

Ich hatte das Glück, dass meine Schwester selbst ihren akademischen Weg gegangen ist und mir somit eine große Stütze war. Doch nicht alle Kinder aus Arbeiterfamilien haben interne Wegbegleiter oder andere Hilfen. Ich selbst kann von mir aus sagen, dass von der Grundschule bis zur Sekundarschule wenig Verständnis und Hilfe von den Lehrkörpern bestand. Auch auf sprachliche Defizite meiner Eltern wurde damals wenig Rücksicht genommen. Es gab natürlich einzelne Mitwirkende, die versucht haben den Dialog herzustellen, um mich zu unterstützen. Doch im Großen und Ganzen wurde ich nicht  in der Schule als „Schüler bzw. Mensch“ wahrgenommen, sondern als „Arbeiterkind“, dass leider noch heute unter anderen Titeln, wie „Migrant“  bekannt ist. Arbeiterkinder waren damals ganz  klar die sozial und fachlich schwächeren Schüler. Das waren also die Schüler, die am wenigsten Unterstützung aus dem Elternhaus erhalten haben. Dementsprechend waren Bildungswege nur unter sehr schwierigen Umständen realisierbar und umsetzbar.

Sie sprechen von „Titeln“ für Kinder mit einer Migrationserfahrung. Was denken Sie über solche Titel?

Das Wort „Migrant“ hat sich unsere Gesellschaft leider noch immer angeeignet. Es ist richtig, dass viele Menschen in Deutschland einen bestimmten Kontext mitbringen. In einer multikulturellen Gesellschaft ist eben genau das eine wahre Bereicherung, und Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür. Deshalb gehören solche „Titel“ schon lange nicht mehr in unsere Gesellschaft. Denn Migranten sind Menschen, die aus einem anderen Land einreisen und in ein bestimmtes Land einziehen. Wie viele SchülerInnen mit einer Migrationserfahrung sind hier geboren und groß geworden? Diese sind genauso einheimisch wie andere SchülerInnen auch und tragen somit keine altbekannten Titel mit sich, die während der fünfziger Jahren noch modern waren.

Was könnte man tun, um einen Dialog zwischen allen Menschen und Kulturen zu schaffen ohne Differenzen zu auszublenden?

Wichtig ist nicht, dass man die einzelnen Kulturen ständig differenziert und separat betrachtet. Es muss das Ganze betrachtet und ein gemeinsamer Weg geschaffen werden. Alle Menschen, die hier Leben und groß geworden sind, fühlen sich einheimisch und zu Hause in Deutschland. Sie fühlen sich nicht nur so, sie sind es auch und wollen nicht „anders“ angesehen oder behandelt werden. Ich erlebe es ständig im Unterricht. Wenn sich neue SchülerInnen vorstellen, beispielsweise eine mit Migrationserfahrung, kommt oft die Frage von anderen Schülern: „Woher kommst du?“

Fast alle Kinder, Jugendlichen aber auch Erwachsene reagieren auf solche Fragen oft irritiert. Denn sie fühlen sich mit ihrem Land verbunden und identifizieren sich mit diesem. Durch bestimmte Handlungsweisen und Kommunikation, können Gemeinsamkeiten gestärkt werden und Missverständnisse vermieden werden bevor sie entstehen.

Seit langem arbeiten Sie u.a. gemeinsam mit Prof. Dr. Ursula- Boos-Nünning an dem Projekt „Bildungsbrücken: Aufstieg!- Gemeinsam für Bildungserfolge der Kinder.“ Worum geht es bei dem Projekt? 

Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Haushalten oder Familien mit einem Migrationshintergrund, aber auch Einheimische sollten die gleichen Chancen bekommen, wie alle anderen Menschen auch, unabhängig von kulturellen oder anderen Gesichtspunkten. Deshalb stehen viele Eltern immer öfter vor offenen Fragen, wenn es z.B. um die Themen Schule, Zweisprachigkeit, Erziehungskompetenzen oder den Umgang mit Lernstörungen und Medien geht. Deshalb hat sich das Projekt „Bildungs-Brücken: Aufstieg!“, dass durch die Otto Benecke Stiftung getragen wird, etwas ganz Besonderes überlegt. Das Projekt richtet seinen Fokus auf Kinder zwischen 0 und 15 Jahren. Bundesweite Elternforen sollen Eltern und werdende Eltern qualifizieren und Fachkräfte u.a. Pädagogen oder Psychologen für die Praxis weiter ausbilden.

Wieso ist das notwendig?

Diese Fachkräfte werden in der Praxis oft mit kulturellen oder religiösen Kontexten konfrontiert, und kennen meist den souveränen Umgang mit bestimmten Situationen nicht. Defizite in diesen Bereichen lassen sich nicht durch sprachliche Mängel interpretieren, denn fachliche und soziale Aspekte spielen hierbei eine große Rolle. Frau Prof. em. Ursula Boos-Nünning, die sich seit über vierzig Jahren mit der Migrationspädagogik und Migrationspolitik beschäftigt, agiert als wissenschaftliche Fachleitung in diesem Projekt.

Es gibt viele Projekte, die sich im Bereich der Migrationspolitik engagieren. Was genau ist anders bei diesem Projekt?

Ja, es gibt viele Initiativen, die das Ziel eines kulturellen Dialogs suchen und umsetzen wollen. In der Schulpraxis gehen viele SchülerInnen mit einer Migrationserfahrung verloren, da sie in einigen Bereichen Mängel aufweisen und die LehrerInnen an feste Lehrpläne gebunden und somit gezwungen sind, das eigentliche Programm durchzunehmen. Genau hier greift „Bildungsbrücken“ ein. Dieses Projekt strebt nicht danach, Kinder und Jugendliche direkt zu erreichen oder die Lehrpläne mit kulturellem Bildungswesen zu erweitern. Das Projekt setzt an der Stelle an, die in unserer Gesellschaft am meisten vernachlässigt wird und häufig in der Schulpraxis von LehrerInnen als „schwaches Elternhaus“, einem Elternhaus mit Desinteresse und keiner Verantwortung“ (Quelle: Statements aus dem Lehrerzimmer) tituliert werden. Es richtet sich an alle Eltern, die genau das Wissen benötigen, um ihren Kindern den Bildungsweg zu erleichtern und sie aktiv und erfolgreich bei ihrem Lebensweg zu begleiten und konstant zu motivieren.

„Bildungs-Brücken: Aufstieg!“ hat eine klare Intention: Änderungen statt Wiederholungen von schwierigen Interaktionen der Kinder- und Jugendarbeit, Suche nach Lösungen statt Präsentieren von Problemen aus der Praxis, die seit Jahren bekannt sind. Fachlich und didaktisch gut ausgebildete Multiplikatoren bedeuten: gut ausgebildete Eltern.

Also sind die Eltern das Problem, bei dem man etwas bewegen muss und nicht das deutsche Bildungssystem?

Ja und nein. Ich würde nicht sagen, dass Eltern das Problem darstellen, im Gegenteil, denn alle Eltern wünschen sich das Beste für ihre Kinder. Ich betrachte es als Lücke in unserem Bildungssystem, dass bestimmte Abläufe nicht einwandfrei funktionieren. Jedes Bundesland hat seine eigenen Voraussetzungen und Prioritäten in der Bildungspolitik. Viele meiner SchülerInnen, die in ein anderes Bundesland ziehen, berichten mir über große Misserfolge und Demotivation in derselben Jahrgangsstufe. Meiner Meinung nach, dürfte so etwas in einem Land wie Deutschland gar nicht erst passieren. Und da ist das eigentliche Problem. Die einzelnen Länder und die Bundesregierung haben ihre eigenen Richtlinien, die nicht veränderbar sind. Wir können jedoch die Eltern dazu bewegen, sich besser auf die Bildungsarbeit ihrer Kinder zu fokussieren. Gerade in Zeiten der Inklusion müssen Eltern stärker unterstützt und aufgeklärt werden.

Sie sprechen über die Inklusion. Haben Sie schon selbst Erfahrung in diesem Bereich gemacht?

Machen wir diese Erfahrung nicht alle schon seit Jahren? Nein, im Ernst: Natürlich habe ich an sogenannten integrativen Schulen unterrichtet. Und auch hier herrscht eine starke Paradoxie zwischen Politik, also der Theorie und der Pädagogik also der Praxis. Die Bildungspolitik verspricht mit der Inklusion eines: Gleichberechtigung für alle SchülerInnen. Ich persönlich habe folgendes in der Praxis beobachtet: LehrerInnen, die stark überfordert waren. „Ergänzungskräfte“, die das Fachpersonal günstig ersetzt haben und bildungstechnisch lief relativ wenig von dem, was versprochen wird. Wie kann eine Lehrkraft, einen blinden, tauben und einen Schüler mit einer Teilleistungsstörung gleichzeitig mit 25 anderen Schülern gerecht werden? Die Politik antwortet mit „individuellem Unterricht“.

Also muss die Zivilgesellschaft sich stärker einbringen?

Ja. Der Staat investiert Milliarden in die Bildung. Das sind unserer Steuergelder. Doch die Interaktion von Praxis und Theorie ist viel zu utopisch. Die einzelnen Ministerien sind für die Außenwelt gar nicht erreichbar und zugänglich. Die Politik muss einen Weg finden, ihre Konzepte stärker an die Praxis zu orientieren.  Ich glaube, wenn sie einen Schulalltag mitmachen würden, dann wären wir alle schon einen kleinen Schritt weiter.