Uli Hoeneß vor dem Gericht der Scheinheiligen

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Uli Hoeneß vor dem Gericht der Scheinheiligen

Nur wer hoch genug aufsteigt, kann so tief fallen wie jetzt Uli Hoeneß. Seit Jahrzehnten ist er eine der schillerndsten Figuren des deutschen Fußballs. Als Spieler gewann er in den 1970er-Jahren mit dem FC Bayern alle internationalen Titel; mit der Nationalmannschaft wurde er Europameister und Weltmeister. Er war ein gefeierter Star, bis er schließlich in der legendären „Nacht von Belgrad“ im Elfmeterschießen des Finales gegen die Tschechoslowakei den entscheidenden Strafstoß und damit den Europameistertitel 1976 verschoss. Das war der schwärzeste Tag in seiner Karriere als Spieler und der Tag, der alle Erfolge bis heute überschattet. Seither begleitet dieser verschossene Elfmeter ihn in ähnlich tragischer Art und Weise durch sein Leben wie man es sonst nur von Roberto Baggio kennt.

Es kann einer noch so gut sein: Wenn er in einem entscheidenden Augenblick versagt, zerstört es trotz allem das Bild, das wir so lange von ihm gehabt hatten und damit oft genug alles, was er vorher geleistet und geschaffen hatte. Dabei hat sich dieser Mensch durch diesen einen Fehltritt nicht im Geringsten verändert, seine einstigen Leistungen sind so anerkennenswert wie eh und je. In der öffentlichen Wahrnehmung jedoch ist er plötzlich ein Verlierer. Oder – wie jetzt in der Steueraffäre – ein Schuldiger, vielleicht gar ein Geächteter.

Mit Uli Hoeneß hat die Steuerkriminalität in Deutschland nunmehr einen Namen und ein Gesicht. Im gleißenden Licht der öffentlichen Hoeneß-Anklage verblassen die früheren medialen Debatten um Postchef Klaus Zumwinkel, Boris Becker oder Peter Graf, den Vater von Tennis-Star Steffi Graf. Und das hat nicht das Geringste mit dem sozialen Engagement des Angeklagten zu tun. Hoeneß war nie die moralische Instanz, als die er jetzt gern dargestellt wird. Er hat das eine oder andere Soziale getan, wie so viele andere auch. In der öffentlichen Debatte dient der Verweis auf die Moral derzeit lediglich als eine Instrument zur Unterfütterung der eigenen Selbstgerechtigkeit: „Schaut Euch den an“, soll es heißen. „Der wollte immer der Gute sein. Dabei ist er auch nur so ein Steuerhinterzieher, ein Zocker.“

Das ist er zweifellos. Er hat’s ja selbst zugegeben. Was soll er mehr sagen? Was soll er tun? Er steht mit dem Rücken zur Wand und kann gegen diejenigen, die mit dem Finger auf ihn zeigen und sich zu öffentlichen Sittenwächtern aufspielen, nur wenig ausrichten.

Wes‘ Brot ich ess…

Er ist den Scheinheiligen ausgeliefert, die selbst nicht frei von Schuld sind. Doch das einzusehen, würde ja voraussetzen, das eigene Handeln zu reflektieren, sich daran zu erinnern, wie man selbst vor zehn und mehr Jahren gesprochen und welches Klima man gemeinsam mit der Politik in diesem Land geschaffen hatte. Solche Selbstkritik aber ist den Medien ebenso fremd wie der Politik, zu der sie sich nur allzu gern mit ins Bett legen.

Also muss man sie daran erinnern, was sie, die jetzt die Anklage führen, einst selbst anrichteten: Sie sind vor den wesentlichen Akteuren der Finanzmärkte und der Konzerne zu Kreuze gekrochen. Sie haben jenen Herren gedient, die Steuern und Abgaben immer schon verteufelten und soziales Engagement als Charakterschwäche auslegten. Sie haben dem Geist des Neoliberalismus gehuldigt, der die Demokratie vergiftet, weil er den Staat und jede Form von Verantwortung für ein Gemeinwesen verachtet. Sie haben der Basta-Politik gegenüber jedwedem Gedanken eines „dritten Weges“ applaudiert, das Wort Solidarität aus ihren Zeitungsspalten gestrichen, Arbeitslose als Faulenzer und Schmarotzer denunziert und den Leuten, die den Versprechen auf Rente und soziale Sicherung geglaubt hatten, gesagt, sie sollten von nun gefälligst selbst für sich vorsorgen und den Gürtel enger schnallen. Sie haben den Menschen Lohnverzicht abverlangt und fanden nichts dabei, dass gleichzeitig Konzerne mit Milliardengewinnen in diesem Land keinen Cent Steuern bezahlten. Sie haben zugesehen, wie westdeutsche Städte verfielen, weil ihnen genau diese Steuern fehlten. Es war ihnen egal, dass Kinder in baufälligen Schulen unterrichtet, Schwimmbäder geschlossen und Abwassersysteme in windigen Cross-Border-Leasingverfahren zu Spekulationsobjekten gemacht wurden. Und diese Leute wollen sich jetzt zu Richtern über einen Steuersünder aufschwingen?

Es wird Geld gebraucht für die Bankenrettung

Es ist gerade mal drei Jahre her, dass ein Mann wie Peter Sloterdijk unter dem Applaus der feinen liberalen Gesellschaft laut über die „Abschaffung von Zwangssteuern“ nachdachte. Die „gebende Hand“ der Wohltätigen solle stattdessen freiwillige „Geschenke an die Allgemeinheit“ verteilen. In diesem Denken gibt es keine Steuerhinterzieher, sondern nur Wohltäter. Und derjenige, der am unteren Ende der sozialen Hierarchie steht, ist in diesem Sinne selbst dafür verantwortlich.

All diese Scheinheiligen, die jetzt mit dem Finger auf Hoeneß zeigen, haben bis heute nicht zugegeben, dass sie mit ihrem Reden und Handeln zur Finanzkrise beigetragen haben. Sie haben mitgemacht, als die Politik, ohne mit der Wimper zu zucken, Volksvermögen in Billionenhöhe an die Finanzmärkte verpfändete, um die Banken zu retten, die sich heillos verspekuliert hatten. Sie opferten das Gemeinwohl argloser und wohlschaffender Bürger für die Millionen-Boni einiger Investmentbanker – wohl wissend, dass sie damit Europa in die bisher schwerste Wirtschaftskrise stürzen, Millionen Menschen ihrer Existenz berauben und erstmals in der Geschichte der EU soziale Unruhen provozieren würden. Und all diese Leute wollen jetzt über einen wie Uli Hoeneß richten?

Noch dazu ist ihre Anklage nur allzu durchsichtig. Wieder einmal geht es ihnen nämlich schlicht ums Geld. Sie brauchen Geld, noch mehr Geld als das, was sie den Bürger bisher schon genommen hatten, um all die Schulden zu bezahlen, die sie mit der Bankenrettung angehäuft haben. Denn es geht allein um Banken. All die Hilfspakete haben weder Griechenland, Spanien, Portugal oder Zypern gerettet, sondern immer nur die Banken.

Früher oder später kann jeder zu „den Reichen“ gehören

Damit Politik und Finanzwirtschaft das erforderliche Geld zusammenbekommen, wollen sie nun auch in Deutschland massiv die Steuern erhöhen. In Griechenland, Spanien und Portugal hat man es bereits vorexerziert. Die Grünen und die SPD sagen es bereits offen. Finanzminister Wolfgang Schäuble soll seinerseits bereits Pläne für einen Lastenausgleich, also eine Abgabe auf Immobilien, in der Schublade haben.

Schon ab einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro sollen die Bürger zur Ader gelassen werden. Und dazu bedarf es natürlich einer Drohkulisse, damit dieses Vorhaben auch ohne nennenswerten Widerstand durchgezogen werden kann. Darüber hinaus braucht dieser Griff in die Taschen der Bürger eine Art Legitimation. Dafür muss nun Hoeneß herhalten. „Seht, wir lassen keinen davonkommen“, ist die Botschaft. Alle sollen ihr Scherflein über den Staat zu den Banken tragen.

Was jetzt geschieht, ist der letzte Akt in einem Drama, das vor Jahren mit den ersten Exzessen an den Finanzmärkten begonnen hatte. Auch Uli Hoeneß wollte mitspielen, zocken und gewinnen. Leider gehen Dramen nie gut aus.